07.07.08
Einmischung: 'Am besten gar nicht drauf einlassen'
Immer wieder wissen Fremde in U-Bahn oder Supermarkt besser, wie man sein Kind erziehen sollte. Was tun?
Ablehnung signalisieren, ansonsten aber ganz ruhig bleiben, raten Experten.
Eine Zweijährige steht vor dem Schaufenster eines Spielzeuggeschäfts, die Mutter sagt freundlich: „Komm Hannah, gehen wir wieder ein Stück weiter.“ Plötzlich schreit ein fremder, älterer Mann das Kind an: „Du sollst zur Mama!“ Das Mädchen fängt an zu weinen und läuft – aus Angst – tatsächlich zur Mutter. Darauf sagt der Mann triumphierend: 'So geht das. Sie müssen Ihr Kind nur erziehen!'
Alle Eltern kennen Situationen wie diese. Auch wenn sie selten so ruppig ausfallen, eines ist ihnen doch immer gemeinsam: Fremde Menschen auf der Straße, im Supermarkt oder in der U-Bahn glauben, in Sachen Kindererziehung besser Bescheid zu wissen als die ihrer Meinung nach unbedarften Eltern, und teilen großzügig ihre Ratschläge aus.
Vor allem das Kind schützen
Wie aber geht man als Mutter oder Vater mit solch einer Situation um, in der das eigene Kind quasi zum 'öffentlichen Eigentum' wird? Erwidert man etwas, geht man kommentarlos weiter? Pia Deimann, Entwicklungspsychologin an der Universität Wien, meint, es sei am besten, sich auf Einmischungen dieser und ähnlicher Art erst gar nicht einzulassen. 'Zuerst geht es darum, sich um das Kind zu kümmern, es zu schützen und zu beruhigen.' Dabei könne man dem Kind auch erklären, 'dass der Mann unfreundlich war'.
Ähnlich sieht dies auch der Erziehungswissenschaftler Wilfried Datler (Uni Wien). 'Entscheidend ist die Stimmungslage des Kindes. Wenn es sich bedrängt fühlt, ist es die Aufgabe der Eltern, es zu schützen.'
Besonders konfliktträchtig sind Momente, in denen Kinder den Eltern sozusagen vor Publikum nicht gehorchen und Umstehende sich berufen fühlen, helfend einzugreifen. 'Das sind heikle Situationen', warnt Datler, denn Eltern würden in so einem Moment im Regelfall Hilfe grundsätzlich zurückweisen. Damit eskaliere die Situation aber noch weiter. Auch hier gilt: ruhig bleiben.
Nicht immer böse gemeint
Nicht alle Einmischungen in Erziehungsfragen sind allerdings böse gemeint. Datler gibt auch zu bedenken, dass Kindern nicht grundsätzlich vermittelt werden sollte, jede Kontaktaufnahme durch einen Fremden sei etwas Unangenehmes. 'Auch wir Erwachsenen werden ja von anderen Menschen angesprochen.' Es gehe also um die richtige Balance, das Kind vor Übergriffen zu schützen, aber nicht hysterisch zu reagieren, wenn sich jemand dem Kind zuwende.
Auch Deimann meint, oftmals resultieren gut gemeinte Ratschläge an junge Mütter und Väter 'einfach aus dem tiefen Bedürfnis von Menschen, ihre Erfahrung weiterzugeben. Viele sind dann auch erstaunt, wenn man ihnen sagt, dass ihre Ratschläge als störend empfunden werden'.
Meist sind es ältere Damen, die auf der Parkbank, bei der Straßenbahnhaltestelle oder im Wartezimmer des Arztes ungebeten mit Tipps zu Säuglingsnahrung, Schlafbedürfnis oder Sauberkeitserziehung aufwarten. Deimann rät, sich für solche Situationen schon im Vorfeld zu rüsten, indem man sich einen Standardsatz zurechtlegt, mit dem man freundlich, aber bestimmt erklärt, dass man keine Einmischung wünscht. Dieser könnte beispielsweise lauten: 'Ich kann mich nicht erinnern, Sie um Ihren Rat gefragt zu haben.'
Füttern verboten
Für junge Eltern immer wieder ein Ärgernis ist auch das Zustecken von Keksen, Schokolade oder Zuckerln an Kleinkinder. Hier empfiehlt Deimann ebenfalls, sich eine Phrase zu überlegen, wie etwa 'Würden Sie das bitte bleiben lassen'. Schafft man es, diesen Satz freundlich an die Frau zu bringen, stünden die Chancen besser, dass man nicht vor dem Kind in Streit gerate. Es könne allerdings nicht schaden, dem Nachwuchs zu erklären, warum es diese Süßigkeit nicht essen soll. Denn sonst kann es nämlich passieren, dass man es als Mutter plötzlich mit zwei Gegnern zu tun hat.
Auch Datler tritt in der Abgrenzung nach außen für das Motto 'in der Sache entschieden, im Auftreten verbindlich' ein. Diese Art des Umgangs mit unerwünschten Einmischungen von Fremden stelle zudem einen kleinen Baustein für die spätere Fähigkeit des Kindes zum Konfliktmanagement dar, gibt der Erziehungswissenschaftler zu bedenken. Wobei es sich bei der Frage des nicht erbetenen Essens 'primär um ein Problem der Eltern und nicht um ein Problem des Kindes' handle. Es sei aber legitim, hier als Eltern eine klare Grenze zu setzen.
Dasselbe gilt übrigens auch für die netten älteren Herrschaften, die sich beim Warten auf den Zug oder die Grünphase der Ampel über den Kinderwagen beugen und den Säugling in die Wange kneifen oder das Baby sogar abbusseln – ohne die Eltern um Erlaubnis zu fragen. Das Baby hat der Schmatz vielleicht gar nicht so gestört...
Quelle: 06.07.2008 | ALEXIA WEISS (Die Presse)